Serie: "Kritiker des Neoliberalismus" Teil 1: Pierre Bourdieu "Was heute auf dem Spiel steht, ist die Wiedereroberung der Demokratie gegen die Technokratie. Es muss Schluss sein mit der Sachverständigen Tyrannei vom Typ Weltbank, die ohne Widerrede die Entscheidungen des neuen Leviathan, genannt 'Finanzmarkt', aufzwingen, und die statt zu verhandeln, zu 'erklären ' gedenken. Stephan Kimmerle, Stuttgart Mit diesen Sätzen trat Pierre Bourdieu, französischer Soziologe und Sozialphilosoph, im Dezember 1995 vor die streikenden Eisenbahner im "Gare de Lyon". Sein Einsatz für die protestierenden und rebellierenden Jugendlichen in Frankreich in den Jahren zuvor und sein Einsatz gegen Neoliberalismus und das "Tietmeyer-Denken" führten dazu, dass es heute kaum einen linken Intellektuellen gibt, der europaweit so viel Aufmerksamkeit erregt wie Bourdieu. 1996 gründete er die Gruppe "raison d'agir", die sich zum Ziel gesetzt hat, eine Art Netzwerk sozialer Bewegungen in Europa ins Leben zu rufen. Ohne Illusionen in die sozialdemokratischen Regierungen Europas - sie betrieben die Politik der Rechten, nur mit mehr Erfolg - fordert er eine neue "Linke der Linken". Bourdieu's Ideen Vor allem seit Beginn der 90er Jahre wehrt sich Bourdieu gegen die Macht der ideologischen Offensive der Unternehmer. Er legt offen, wie Wissenschaft sich in den Dienst dieser Offensive stellt: Die Macht der Finanzmärkte wird als gottgegebene Grundlage akzeptiert, politische Entscheidungen von Politiker als Folgen davon, als wissenschaftliche Zwangsläufigkeiten und Notwendigkeiten durch "Experten" er- und verklärt. Als vor allem jugendliche MigrantInnen in Frankreich gegen die herrschenden Verhältnisse in den Vororten rebellieren oder in der Streikwelle 1995 meldet er sich zu Wort. Dabei versucht er, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. In seinem Buch "Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen des alltäglichen Leidens an der Gesellschaft" (1993) kommen in verschieden Interviews Menschen aus den untersten Schichten der französischen Gesellschaft zu Wort. Andere aktuelle Werke (z.B. "Gegenfeuer. Argumente im Dienst des Widerstandes gegen die neoliberale Invasion" (1998)) machen deutlich welche Rolle er sich selbst und den Intellektuellen heute zu weißt: Es geht ihm darum, soziale Bewegungen gegen die einheitliche und mit dem Anspruch auf Alleinherrschaft versehene herrschende Ideologie mit Ideen zu bewaffnen und eine Bresche in dieses Bollwerk zu schlagen. Dabei lehnt Bourdieu "Ideologien" speziell auch marxistische Analysen ab. Bourdieu beschreibt die gesellschaftliche Wirklichkeit als Feld, das sich aus der Verteilung von ökonomischem Kapital (Eigentumsrechte, Geld), "kulturellem Kapital" (Bildung, Wissen, Macht aufgrund von Bildung und Wissen) und "sozialem Kapital" (Prestige, Ansehen) ergibt. In diesem Feld erkennt der Wissenschaftler Bourdieu Menschen mit ähnlichen Bedingungen (einer Nähe in diesem Feld), die er für politisch am ehesten gemeinsam mobilisierbar hält. Dem Marxismus wirft Bourdieu vor, diese wissenschaftlich untersuchbare soziale Nähe in objektiv vorhandene soziale Klassen umzudeuten. Klassenfrage SozialistInnen gehen davon aus, dass die heutige Gesellschaft davon geprägt ist, dass eine Minderheit von Kapitalisten über die Produktionsmittel (Fabriken, Maschinen, usw.) verfügt und eine Mehrheit der Gesellschaft davon lebt, Lohn bzw. Gehalt aus dem Verkauf der eigenen Arbeitskraft zu erhalten. Um dies für diejenigen aufrechtzuerhalten, die von diesen Verhältnissen profitieren, ist eine ganze Kette von politischen Maßnahmen notwendig. Die Unterteilung in eine Kapitalistenklasse und die Arbeiterklasse ergibt sich also aus der ökonomischen Funktion der Menschen in der Gesellschaft. Daraus entstehen - trotz aller Unterschiede, die dies zeitweilig überlagern können - gemeinsame wirtschaftliche und politische Interessen. Bourdieu kratzt mit seiner Analyse an der Oberfläche der sozialen Erscheinungen dieser Machtverhältnisse - und legt dabei einiges frei, zum Beispiel wie sich Spaltungen innerhalb einer Klasse erhalten, Unterschiede kultiviert werden usw. Der Blick auf die gesellschaftlichen Klassen- und Machtverhältnisse geht aber in einem Wust von Schichten unter. So ist es kein Zufall, dass er bei seinen Forderungen beim Wunsch nach einem europäischen Sozialstaat, ähnlich dem Modell des Wohlfahrtsstaats, hängen bleibt ohne seine kapitalistische Basis in Frage zu stellen: Er nimmt den Staat nicht als Interessenvertreter der herrschenden Klasse wahr, die einen Staat benötigt um das Funktionieren der Gesellschaft inklusive der Herrschaft einer Minderheit über eine Mehrheit zu sichern. Nachdem er keine Klassen im marxistischen Sinn mehr kennt, ist auch der Staat für ihn an sich neutral. Eine grundlegend anti-kapitalistische Perspektive ist damit unsichtbar. Dass Sozialismus nicht nur ein netter Wunsch sondern reale Möglichkeit ist, verdankt er den heutigen wirtschaftlichen Möglichkeiten (der Möglichkeit weltweit genug für alle zu produzieren) und der Macht der Arbeiterklasse: Sie produziert heute schon den Wohlstand, der die Gesellschaft trägt. Sie ist - in ihren Schwergewichten - in Betrieben zusammen, kollektiv organisiert. Daraus ergibt sich ihre wirtschaftliche und politische Macht, sich solidarisch, gemeinsam zu wehren und die Gesellschaft von Grund auf umzuorganisieren. Die Arbeiterklasse als politische Grundlage kennt Bourdieu nicht, auch wenn er immer wieder zum Beispiel die Gewerkschaften als Bündnispartner sucht. "Raison d´agir" Um Bourdieu bildet sich 1996 die Gruppe "raison d´agir" ("Gründe zu Handeln "), die am 1. Mai dieses Jahres mit der Charta 2000 auftritt, um "neue Generalstände der sozialen Bewegungen" Europas einzuberufen (die Forderung nach Einberufung der Generalstände war der Beginn der Französischen Revolution 1789). Da die neoliberale Offensive international auftritt, geht es der Charta 2000 darum eine internationale Zusammenarbeit von "Gewerkschaften, der Bewegung der Arbeitslosen, Obdachlosen oder Staatenlosen, Frauengruppen, Homosexuellen, Umweltvereinigungen und vielen anderen" zu ermöglichen, die sich unter anderem an den Formen des Widerstands in Seattle orientiert. "Denn diese Bewegungen haben trotz all ihrer Unterschiede, trotz der manchmal bestehenden Meinungsverschiedenheiten, zumindest eines gemeinsam: sie verteidigen jene, die heute von der neoliberalen Politik immer mehr einem ungewissen Schicksal preisgegeben werden, und greifen gleichzeitig all die gesellschaftlichen Probleme auf, die diese Politik dabei zurückgelassen hat." Sie kritisiert die sozialdemokratischen Regierungen Europas, die "sich gegenwärtig vor allem darum bemühen, die bestehende Wirtschaftsordnung zu verwalten und hinter einem letzten Rest staatlicher Handlungsfreiheit verschanzen, und sich dabei immer bedenkenloser mit den wachsenden gesellschaftlichen Ungleichheiten, mit allgemeiner Arbeitslosigkeit und der Prekarisierung ganzer Bevölkerungsgruppen abgefunden haben. Gerade deshalb brauchen wir eine wirkliche kritische Gegenmacht." Kritisiert wird, wie diese Regierungen versuchen, mit repressiven Mitteln der "inneren Sicherheit" gegen die betroffenen Menschen statt gegen die Ursachen vorzugehen. Als Ausweg bietet die Charta 2000 den Kampf um die Verteidigung der Wohlfahrtsstaaten, "wirksame Maßnahmen für eine Kontrolle der Finanzmärkte" und "eine gerechtere Verteilung des Reichtums der Nationen, in ihnen und zwischen ihnen". Bedeutung Charta 2000 Die Kritik Bourdieus an der vermeintlichen Zwangsläufigkeit der kapitalistischen Sparzwänge ist sicherlich richtig. Trotzdem scheinen sich die Hoffnungen der Charta 2000 auf eine Neugestaltung der Verhältnisse zu richten, wie dies auf Grundlage des Nachkriegsaufschwungs möglich war: Zugeständnisse an die Arbeiterbewegung vor dem Hintergrund trotzdem wachsender Profite. Diese Zeiten sind mit der grundlegenden Krise des Kapitalismus heute vorbei. Auch die Perspektive der Charta 2000 bleibt im Rahmen der kapitalistischen Verhältnisse und greift damit zu kurz. Der Zusammenbruch der stalinistischen Staaten Osteuropas und die Verbürgerlichung der sozialdemokratischen Parteien ermöglichte dem neoliberalen Feldzug der Banken und Konzerne weitere Erfolge. Zum eingeschlagenen Weg der Deregulierung, Flexibilisierung und Privatisierungen kam eine enorme ideologische Offensive von der Überlegenheit des Marktes. In der kapitalistischen Gesellschaft orientieren sich die Zwischenschichten zwischen den Polen der Kapitalisten und der Arbeiterbewegung. Die neoliberale Offensive und die zeitweilige Defensive der Arbeiterbewegung drängten auch viele WissenschaftlerInnen an die Seite des Kapitals: Der Eindruck der Stärke des Marktsystems und ein Fehlen jeglicher Alternative wurde von ihnen reproduziert (das heißt nachgeahmt und weiterverbreitet). Nicht umsonst wurde der Wirtschaftsteil der meisten Zeitungen ausgebaut, Betriebswirtschaftslehre populär wie nie und die wissenschaftliche Lehre eingeengt auf die Vermittlung von Sachzwängen innerhalb dieses Systems. Radikalisierung Die Arbeiterbewegung ist dabei, sich von diesen Rückschlägen zu erholen. Gerade die Kämpfe in Frankreich in den 90ern, die wachsende Radikalisierung von Jugendlichen gegen die Institutionen des globalen Kapitalismus - begonnen in Seattle - sind Zeichen dieser Entwicklung. Verallgemeinerte Bewegungen der Arbeiterbewegung sind aber noch Zukunftsmusik. Dies führt dazu, dass sich intellektuelle Zwischenschichten, die sich an der neoliberalen Realität die Finger verbrannt haben, neu orientieren und einen Ausweg suchen - und verhältnismäßig viel Gehör finden. Bourdieu drückt diese Entwicklung aus. Er leistet mit seiner Kritik des Neoliberalismus eine wertvolle Hilfe für die Arbeiterbewegung, indem er den einheitlichen Block des ideologischen Drucks der Kapitalisten aufzubrechen hilft. Damit verschafft er zukünftigen Bewegungen Ansatzpunkte und mehr Spielraum. Gleichzeitig bleiben seine Vorschläge sehr begrenzt. Bourdieu weißt selbst immer wieder darauf hin, er könne kein politisches Programm bieten, er setze sich nur für den Rahmen einer neuen Internationale der sozialen Bewegungen ein. Seine Orientierung zum Beispiel auf einen europäischen Sozialstaat auf der Grundlagen eines sozialeren Kapitalismus stellt ein Hindernis für die zukünftige Entwicklung dieser Bewegungen dar. Die Wiederbewaffnung der internationalen Arbeiterbewegung mit Theorie bekommt etwas mehr Platz zum Atmen durch Bourdieu - sozialistische Luft benötigt sie von anderswo.